Überleben in den Straßen von Lae Ich sehe jene „abgerissenen“ Kinder und Männer, die den ganzen Tag durch die Stadt streifen. Sie stochern in überquellenden Abfallbehältern, spähen in stinkende Gräben und durchforsten Müllhaufen. Sie sind auf der Suche nach leeren Getränkedosen. Für ein Kilo bekommen sie umgerechnet 75 Cent. Eines Tages habe ich eine leere Coladose gewogen: 20 Gramm. Es braucht also für ein Kilo 50 leere Dosen. Davon kann man knapp 500 Gramm Reis kaufen oder eine Cola und Streichhölzer. Für viele ist das der Lohn eines ermüdend langen Tages auf den Straßen von Lae.
|
|
| Die Straßenkinder sind glücklich, haben sie doch ein paar leere Getränkedosen ergattern können |
 |
|
|
Ich denke an Joachim, den alten Zeitungsverkäufer. Wenn er sein Tagespensum von 100 Zeitungen nicht schafft, ist der Zwischenhändler sauer und zahlt ihm vielleicht gar nichts. Jeden Sonntag aber steht er am Eingang der St. Marys Kirche. Eine Schärpe weist ihn als Ordner aus. Diesen Dienst macht er würdevoll und stolz. Das habe ich erst richtig verstanden, als ich zufällig auf seine Unterkunft stieß. Ein Verwandter hat ihm erlaubt, auf seinem Grundstück eine Hütte zu bauen, winziger als ein Hühnerstall. Darin liegen eine Schlafmatte und armselige Habseligkeiten. So oft ich ihn traf, sprach Joachim davon, eines Tages in sein Dorf zurückzukehren. Aber wie soll er diesen Traum je verwirklichen, da er das Fahrgeld nie verdienen wird? Joachim ist in der Stadt genauso gefangen wie ein Schiffbrüchiger auf einer einsamen Insel. Das ist die Welt vieler, die in die Stadt geflohen sind – in der Meinung, sie hätten es hier in jedem Fall besser. Worauf hofften sie? Auf Arbeitsplätze in Industrie und Verwaltung, auf bessere Bildungsmöglichkeiten, auf das große Spital, auf viele tägliche Dienstleistungen (Elektrizität, Transport, Banken, Geschäfte), auf die Verlockungen von Sport und Spiel usw. Andere sehen in der Stadt die Möglichkeit, mit ihren persönlichen Problemen abzutauchen, vor den Stammesfehden zu fliehen, endlich den lästigen Moskitos zu entgehen. Die Nachteile sehen sie nicht: slumartige „Wohnungen“, hohe Arbeitslosigkeit und überall viel Armut. Viele müssen am Stadtrand wohnen und haben gar keinen Zugang zu den erhofften Segnungen. Das soziale Netz wird mit ihrem Weggang zerrissen, es gibt keine Solidarität mehr, die meisten Menschen sind allein, kein Onkel, keine Tante und keine Großeltern in der Nähe, die für die Stabilität der Ehe und für die Erziehung der Kinder eine wichtige Rolle spielen könnten. Der Slum wird ausweglos. Kriminalität und Prostitution nehmen zu, die Lebensqualität sinkt, die Gesundheit wird ruiniert. Die vielen Sekten verwirren die Menschen, die aus der Geborgenheit der Dörfer kommen, und geben ihnen keinen Halt mehr.
|
|
| Der Priester schaut nach, ob auch alles ordentlich ist. Denn bekanntlich machen Kleider Leute |
 |
|
|
Mir kommt ein junger Mann in den Sinn, den ich zwei Jahre lang jede Woche im Krankenhaus besucht habe. Jedes Mal habe ich ihm etwas zu essen mitgebracht. Wer kein Familienmitglied hat, das ihn pflegt, und wer in der Stadt niemanden aus seinem Heimatdorf findet, der ihn mit Essen oder Geld versorgt, der ist in großen Schwierigkeiten. Der leidet mitten im Spital unter Fehl- und Mangelernährung; dem fehlt vielleicht das Geld für ein Medikament; der wartet wochenlang auf die Fahrkarte für die Rückreise. Wirklich arm ist in Papua, wer alleine ist, wer getrennt ist von Familie, Clan und Dorfgemeinschaft. Welche Formen dies annimmt, kann auch Pater Arnold Schmitt CMM berichten. So weiß er von Fr. Geoffrey – er stammt aus Neuseeland und gehört zur Diözese Lae. Dieser kümmert sich seit etlichen Jahren um die Pfarrei St. Michael, nahe dem Mariannhill House. Vor einiger Zeit hat er eine Gruppe von „Streetkids“ aufgenommen (er wohnt in den Räumen der Pfarrei). Es sind derzeit achtzehn Jungs zwischen acht und zwanzig Jahren. Aber wie alt sie genau sind, wissen die Kinder in der Regel selber nicht. Sie lebten zuvor bis zu zwei Jahren auf der Straße, das heißt sie schliefen in Geschäftseingängen oder unter Häusern. Ihren Lebensunterhalt bestreiten sie mit dem Einsammeln von weggeworfenen Getränkedosen (Fanta, Cola, Sprite …). Sie erzählten mir, dass sie an guten Tagen zwei Kilo zusammenbringen, dafür sind sie dann aber auch fünf Stunden unterwegs und stochern in Abfallbehältern und Abzugsgräben. Pro Kilo Getränkedosen gibt es 1,90 Kina, das sind derzeit ca. 45 Cent. Für ein Kilo leerer Plastikflaschen gibt es 40 Toia (= 10 Cent). Einige der Jungs haben ihr Geld auch auf andere Weise verdient – Diebstahl und Taschendiebstahl beispielsweise. Ich hatte eigentlich erwartet, dass die „Streetkids“ mittels einer Art Solidarität untereinander überleben, aber wie sie mir erklärten, ist dem nicht so. Jeder muss sich alleine durchschlagen. Man streift zwar zusammen durch die Stadt oder stellt gemeinsam etwas an, aber man darf niemandem trauen, denn er wird versuchen, dir dein (weniges) Geld zu stehlen. Das geschah im Übrigen sehr oft nachts, wenn die Kinder in Geschäftseingängen schliefen. Die Wachmänner, die ihnen erlaubten, dort zu schlafen, haben ihnen oft das Geld weggenommen. Fr. Geoffrey hat ihnen jetzt also ein Zuhause gegeben, mit einer festen gemeinsamen Mahlzeit am Abend. Und an vier Vormittagen haben sie Schule. Dazu hat Geoffrey zwei junge Leute angeheuert. Eine junge Frau ist eine speziell ausgebildete Lehrerin für Analphabeten. Denn die meisten der Jungs waren nie in einer Schule oder nur ein Jahr. Sie können also oft nicht schreiben und lesen. Die Schule vermittelt also einfaches Rechnen, Schreiben, Lesen und grundlegende Fähigkeiten für das Leben. Einen Straßenjungen hat Geoffrey in einer richtigen Schule unterbringen können und es gibt einen zweiten – Tansi – der so gut lernt, dass er wohl im nächsten Jahr in einer regulären Schule einsteigen kann. Aber das sind die Ausnahmen. Es hat mich jedenfalls amüsiert und gerührt, dass die Jungs sich offensichtlich schämten, als sie eingestanden, zuvor nie in eine Schule gegangen zu sein. Fr. Geoffrey sagt, das ist so, seit sie angefangen haben, etwas zu lernen. Fr. Geoffrey hat strikte Regeln
|
|
| Fr. Geoffrey versucht den Straßenkindern eine schulische Ausbildung zu geben |
 |
|
|
aufgestellt, die einen manchmal verwundern, wenn man die kleinen Kindergesichter sieht: Kein Biertrinken, kein Rauchen, keine Drogen, kein Besuch in Clubs. Aber die Regeln sind notwendig, und die Burschen haben schon einiges an Erfahrungen hinter sich. Das Leben auf der Straße hat sie natürlich „schlau“ gemacht, und sie finden offensichtlich immer neue Tricks, um sich Vorteile oder Ausnahmen zu erschleichen (z. B. die Bestechung des Kochs – auch ein Straßenjunge – um mehr Fleisch zu erhalten, und das mit der sagenhaften Summe von 20 Toia!). Geoffrey macht also einiges mit, aber er tut es auch gerne, denn die Jungs sind recht anhänglich. Die Kirche in Papua-Neuguinea unternimmt vieles, um den Menschen in Sorge und Not zu helfen, um ihnen einen besseren Weg zu eröffnen. Um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, haben wir mehrere Grundschulen und Zentren für technische und berufliche Ausbildung, vor allem für junge Menschen, eingerichtet. Pfarreien und Schulen führen gezielt Kurse durch, die die gegenseitige Solidarität und das gemeinsame Sorgen fördern. Wir unterhalten und fördern Clubs für Jugendliche, für Männer und Frauen, um Weiterbildung in beruflichen, sozialen und religiösen Bereichen anzubieten und um die traditionelle Kultur zu pflegen.
|
|
| Das Wenige, was man hat, wird zum Verkauf angeboten |
 |
|
|
|
Pfarreizentren und Kirchen sind für uns nicht nur Orte liturgischer Feiern. Hier soll bewusst das Gemeinschaftsleben gepflegt werden. Deshalb ist es wichtig, dass die Menschen in der Liturgie ihre eigene Kultur leben können. Es müssen Orte sein, an denen sie ihre Identität wieder finden, wo sie sich gegenseitig ermutigen und stark machen. In den Frauenclubs lernen die Frauen notwendige Fertigkeiten, die sie im neuen Milieu der Stadt brauchen, sie lernen auch, wie zusätzlich ein bisschen Geld für den Haushalt erwirtschaftet werden kann. Die Kirche unterhält ein eigenes Kreditsystem, das Frauen hilft, kleine selbständige Unternehmen aufzubauen. Schließlich bietet die Kirche Familien- und Lebensberatung an, fördert mit eigenen Programmen und Maßnahmen die Aidsprävention und die Begleitung von HIV-positiven Menschen. Und sie betreut Prostituierte und hat sogar ein eigenes Haus für Seemänner, das pro Jahr von über 2000 Männern besucht wird.Liebe Missionsfreunde, mit Ihrer Spende helfen Sie mit, dass die Straßenkinder in Lae weiterhin gut betreut werden können. Geben Sie auf Ihrer Überweisung bei der Liga-Bank Würzburg (BLZ 750 903 00) Kto.-Nr. 3 017 605 bitte als Stichwort „Straßenkinder“ an, damit wir in der Lage sind, Ihre Spende in voller Höhe weiterzuleiten. Für weitere Fragen steht Ihnen die Missionsprokura in Würzburg gerne zur Verfügung. Auch werden Sie über den weiteren Verlauf des Projektes in der Zeitschrift „Mariannhill“ auf dem Laufenden gehalten. Schon jetzt sagen Ihnen die Missionare von Mariannhill ein herzliches Vergelt’s Gott.
|