P. Ivo Burkhardt schreibt: Liebe Freunde, Wohltaeter, Verwandte – Mischlinge! Jetzt muss ich aber wirklich schleunigst, denn bis zum 1. Mai erwarte ich meine fuenf Frischlinge hier im Hof (house of formation), und damit startet meine neunzehnte Postulanten-Truppe, mit dem hundert-ersten Postulanten "in Bearbeitung"; und so wird es allmaehlich Zeit dass ich diese Arbeit an einen meiner ehemaligen "Zoeglinge" und heutigen Mitbrueder uebergebe. Sinn jeder missionarischen Taetigkeit is es ja, sich selber schliesslich ueberfluessig zu machen. Wenn man ewig gebraucht wird, ist wohl etwas schief gelaufen. Da ich allerdings gleichzeitig auf mehreren Stuehlen sitze, bin ich aber immer noch nicht arbeitslos wenn ich einen Stuhl frei mache. Unter anderem bleiben die Provinz-Finanzen auf alle Faelle noch eine zeitlang an mir haengen, zu meinem grossen Leidwesen. Als juengste Provinz der Mariannhiller haben wir zwar keine Erblasten, aber eben auch kein Erbe, keine Ruecklagen und keine groessere Spenderschar. Die meisten Wohltaeter der Mission haben ja meist irgendeine persoenliche Beziehung zu uns: Der Onkel war Mariannhiller, die Oma hatte schon immer "das Blaettle" von uns – usw. Da wir aber nur 5 Nicht-Zambier in der Provinz sind, fehlt uns natuerlich diese Basis – die uebrigens auch in unseren alten Provinzen kraeftig schrumpft, denn Omas haben die Unart, irgendwann zu sterben, und Onkel geraten auch schon mal in Vergessenheit. An Berufen fehlt es uns nicht, aber da geht es uns wie jeder unbetuchten Familie: Einerseits freut man sich ueber den Nachwuchs, andererseits graust einem vor den zusaetzlichen Ausgaben – woher nehmen und nicht stehlen?! – Einen Geldschei.... – nein, das ist schwaebisch und daher wohl unanstaendig; also, einen Dukatenesel muesste man haben! Wenn wir nur an unsere eigene Provinz daechten, haetten wir laengst sagen muessen: Schluss mit Nachwuchs, jetzt reicht es uns. Aber als Mitglieder einer Missions-kongregation in einer missionarischen Kirche koennen wir das nicht – "geht hinaus in alle Welt", und "bittet den Herrn um Arbeiter in seinem Weinberg" gilt ja wohl auch heute noch. Oder? Auf absehbare Zeit koennen wir nicht damit rechnen, dass sich die Wirtschaftslage in Zambia merkbar bessern wird. Und so bleibt jeder einzelne Mitbruder – ob Pfarrer, Kaplan, Dozent oder Student – auch weiterhin von Unterstuetzung von ausserhalb des Landes abhaengig. Der Dioezese hier geht es nicht besser, die ist praktisch schon bankrott. Der neueste Sparplan der Dioezese lautet: Minimal-Seelsorge. Jedes der 4 Dekanate mit je 5 Pfarreien (und zwischen 30 und 60 Aussenstationen pro Pfarrei!) erhielt neulich etwa 1,700 Euro. Damit sollen sie nun wirtschaftliche Projekte aufbauen um finanziell unabhaengig zu werden und alle Ausgaben selber zu finanzieren. In unserer laendlichen Dioezese ist das ein Aberwitz – die Sonntagskollekte in vielen Aussenstationen reicht nicht mal fuer 1 Liter Benzin; also kann man da halt nicht mehr hin... Ich kann es drehen wie ich will: Eine Null bleibt eine Null, ob ich sie nun addiere, subtrahiere, multipliziere oder teile. Das habe sogar ich inzwischen gelernt, obwohl mich mein schriftlicher Sechser in Mathe beinahe mein Abitur gekostet haette. Apropos Sechser: Eine alte Studienfreundin aus meiner Bonner Zeit, laengst in Malaga beheimatet, verspricht mir schon seit vielen Jahren die Haelfte ihres Supergewinns im spanischen Jahreslotto. Bisher war da aber nix. Falls Sie eine bessere Idee haben, wie wir unsere Einnahmen (oft nur 65 Euro in einem Monat, dank zweier hartnaeckiger Spenderinnen) verbessern koennten: BITTE, lassen Sie's mich wissen. Eine gute Idee kann schliesslich auch sehr wertvoll sein! Man soll nicht neidisch sein – aber wenn ich die tausende (wirklich!) von NGOs hier sehe (Nicht-Regierungs-Organisationen), die oft in Geld zu schwimmen scheinen, dann frage ich mich immer, an was das liegt. Tsunami, Darfur, Sudan sind "in", Kirche ist es offensichtlich nicht. Dabei koennte gerade "die Kirche" dafuer sorgen, dass es diese Hilfsaktionen erst gar nicht braeuchte. - Am Tsunami allerdings haette auch sie nichts verhindern koennen. Eben habe ich durchgelesen, was ich mir bisher vom Herzen getippt habe – das ist ja furchtbar, und ich bin doch sonst kein solcher Jammerlappen! Aber wovon das Herz voll ist... da fliesst was ueber. Liegt vermutlich daran, dass ich all die Wochen seit meiner Rueckkehr aus Suedafrika mit den Jahresbilanzen des Vorjahres beschaeftigt war; und die sind tatsaechlich deprimierend. – Lassen wir's schleunigst! Das Jahr 2004 habe ich mit meinen 5 Postulanten genossen – ein selten nettes Haeufchen. Und so habe ich sie zwar stolz, aber ungern abgegeben ins Noviziat in Mariannhill – schliesslich muss es weiter gehen, das ist der Sinn der ganzen Sache. Bei meiner zweimaligen Durchquerung meines geliebten Zimbabwe wurde mir fast schlecht zu sehen, wie schnell man alles verlieren und ein Land in den Ruin treiben kann. Das ist ein Tsunami von Menschenhand! In Zambia tut sich nicht viel, ausser dass alle Politiker mehr reden denn je. Letzte Woche wurden dem Land etwas mehr als die Haelfte seiner internationalen Schulden erlassen, 3.8 Milliarden Dollar; damit muessen wir nun weniger Zinsen zahlen. Ob allerdings auch der Normalbuerger davon etwas spueren wird, halte ich fuer mehr als fraglich. Die letzten zwei Jahre hatten wir ja eine Mais-Superernte, dank der weisen Politik der Regierung. Dieses Jahr herrschte Duerre in vielen Landesteilen – aber das hat jetzt ploetzlich nichts mehr mit der weisen Politik der Regierung zu tun. Wir hier im Norden hatten allerdings eine tolle Regenzeit, jedenfalls hier auf unserer Farm: 1798 mm Regen; Rekord in den letzten 20 Jahren. Damit koennen wir die Trockenzeit (seit 4.4.) bis Endc Oktober gelassen angehen. Auch viele unserer Kleinbauern werden eine gute Ernte haben, und wir damit die noetigen Rohstoffe fuer unsere Futtermittel Produktion. Die Schlaueren von ihnen haben inzwischen kapiert, dass sie in uns einen verlaesslichen Partner haben, und haben entsprechend mehr gearbeitet und angepflanzt. Und damit bin ich wieder mal am Ende – den Brief haben Sie sich natuerlich "verdient", irgendwann mal durch eine Spende - fuer die ich mich hiermit im Namen aller ganz herzlich bedanken muss und moechte! -, oder durch Bluts-, Freundschafts-, Gebets-Bande. Was letzteres betrifft: Im April habe ich, wie jedes Jahr, den Auftrag, die taegliche Messe fuer alle lebenden Wohltaeter aller Mariannhiller zu feiern. Dass mir dabei auch immer noch fast taeglich ein Memento "fuer unseren Papst Johannes Paul" entschluepft, wird er mir nach 26 Jahren Memento-praxis wohl nachsehen. Ihnen allen: Alles Gute und Liebe, Gesundheit wo's geht, und einen schoenen Fruehling noch! Ganz herzlich Ihr P. Ivo Burkhardt cmm. |